Der Fürst
Der Begriff Fürst steht hier für hochrangige Führungskräfte, egal ob in Politik
oder Wirtschaft. Ich habe den Ausdruck in Anlehnung an den Klassiker von Machiavelli
gewählt. Ich hatte während meines Berufslebens Gelegenheit sowohl mit Topmanagern der
Industrie, als auch mit Politikern Kontakt zu haben und stelle fest, dass es eigentlich
wenig Unterschiede zwischen den Fürsten der Industrie und denen der Politik gibt,
vielleicht mit der Ausnahme, dass die Politiker viel weniger Geld bekommen.
Eine exzellente Schilderung der Arbeit in den Vorstandsetagen bei Ford gibt Lee Iacocca
in seinem Buch. Kenner der Politik in Baden-Württemberg werden "Monrepos" gerne
lesen.
Fürsten sitzen weit weg von ihren Untertanen in einem Elfenbeinturm und denken im
wesentlichen darüber nach, wie sie ihre Macht erhalten oder erweitern können.
Sie haben einen Hofstaat um sich, der dazu dient, die Wünsche des Fürsten zu
erfüllen. In der Praxis ist der Hofstaat ein Sekretariat, ein oder mehrere Assistenten,
ein Managementteam. Alle sind sie ziemlich von der Gnade des Fürsten abhängig. Einige
der Vasallen sind loyal, einige werden aber versuchen, früher oder später die prominente
Rolle des Fürsten einzunehmen.
Der Fürst will von trivialen Problemen, die das Volk hat, nicht in seinen wichtigen
Gedanken gestört werden. Darum gehe nie zu deinem Fürst, außer er ruft dich.
Gehst du trotzdem, dann droht dir große Gefahr, dass du ein dringendes, aber
unbeliebtes Problem, das dem Fürsten auf den Nägeln brennt, zu lösen bekommst. Etwas,
was du gar nicht wolltest. Es ist daher klug, den Kontakt nur auf absolut Notwendiges zu
beschränken.
Wenn dich der Fürst ruft und dir Fragen stellt, dann beantworte auch nur jene Fragen.
Nütze nicht die Gelegenheit dazu, ihm auch anderes zu erzählen. Damit lenkst du ihn nur
von seinen wichtigen Gedanken ab. Wenn du ihm von Problemen erzählst, besteht auch hier
die Gefahr, dass du diese dann auch selbst lösen mußt.
Brauchst du vom Fürsten eine Entscheidung, dann ist sehr wahrscheinlich, dass er dich
fragen wird, wie du selbst entscheiden würdest. Denn er wird wahrscheinlich nicht
verstehen, was das Problem ist und wie die richtige Entscheidung sein sollte. Darum habe
für diesen Fall immer gleich die passende Antwort parat, die dir dann auch ins Konzept
passen muß.
Es ist unverzeihbar, wenn du nicht weißt, wer die Feinde deines Fürsten sind. Denn
dann besteht die Chance, dass du mit diesen kooperieren wirst, etwas was er dir nie
verzeihen wird. Darum kenne seine Feinde, denn sie müssen auch deine Feinde sein.
Vermeide, dass dir der Fürst Geheimnisse anvertraut. Denn gerne will er dann später
seine Mitwisser loswerden. Weißt du zuviel, so lebst du gefährlich.
Verursachst du den Vasallen des Fürsten Probleme, so werden diese den kurzen Weg zum
Fürsten ausnutzen und dich bei ihm anschwärzen. Es ist daher klug, auch den Kontakt mit
den Vasallen, d.h. der Sekretärin, dem Assistenten, auf das Notwendigste zu beschränken.
Wenn du mit ihnen redest, dann erzähle immer nur Dinge, die der Fürst gerne hört.
Auf diese Weise wird der Fürst ungestört bleiben. Allerdings wird er auch von
niemanden mehr die Wahrheit erfahren. Seine Entscheidungen werden nicht mehr durchsetzbar
werden und er wird scheitern. So hast du eine faire Chance, seine Nachfolge anzutreten.
Ist der Fürst bösartig, mußt du die Regeln modifizieren. Ich verweise dazu auf meine
Kunst der Klugheit, in der
jahrhundertelange Erfahrung zu diesem Thema gesammelt ist.