Das Praxilogie Buch von Dr. Otto Buchegger TübingenSex und Sexualität

Betrachtungen über Lebensmanagement ohne ein Kapitel über Sexualität sind mehr als unvollständig. Aber ich habe immer wieder damit gezögert, weil ich nicht wusste, was meine LeserInnen wirklich interessiert. Und es gibt ja unendlich viel Informationen im Internet dazu. Aber viele E-Mail Kontakte haben mich jetzt doch überzeugt, zumindest einen kleinen Abschnitt dazu aufzunehmen.

Ich habe viel lernen müssen, um die Bedeutung der Sexualität für das Leben richtig einzuschätzen. Erst die Beschäftigung mit der Evolution hat mir etwas die Augen geöffnet.

Zwei Hauptgesichtspunkte haben sich dabei herausgeschält. Erstens, es lebt auf die Dauer nur, was sich fortpflanzt. Deshalb ist Fortpflanzung einer der wichtigsten Lebensfaktoren aller Lebewesen. Zweitens, der Aufwand für sexuelle Fortpflanzung (im Vergleich zur Teilung) ist gewaltig. Trotzdem hat die Natur diese Form gewählt, weil der Lohn für diesen Preis, die Anpassung an ein sich ständig änderndes Umfeld, ebenfalls enorm ist.

Ein Individuum hat nun die ganze Geschichte der Evolution in sich und ist auch in ein soziales Umfeld eingebunden und wird von all diesen Faktoren gesteuert. Gerade bei der Sexualität wird klar, dass deshalb die Interessen des Einzelmenschen nicht immer mit den Interessen der Gesellschaft harmonieren werden.

Die Interessen der Gesellschaft sind nicht immer deine Interessen.
Versuche im Rahmen der Gesetze deine Interessen auszuloten.

Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass Sexualität gerade für junge Menschen, wenn sie damit allein gelassen werden, zum großen Problem werden kann. Denn trotz aller Aufklärung, Sexsendungen im Fernsehen, offenherziger Berichterstattung in den Journalen und unendlich vieler Seiten im Internet ist das Wissen über Sexualität dem Geheimwissen zuzuordnen. Zu groß ist die Versuchung der Mächtigen, es für ihre Zwecke auszunützen.

Denn alle Bestimmenden dieser Welt, von den Kirchen bis zu den Medien, vom Schriftsteller bis zu den Werbetreibenden wissen zumindest intuitiv über die Macht der Sexualität Bescheid und haben Mechanismen entwickelt, sie für ihren Erfolg einzusetzen. Oft geschieht dies ganz subtil oder aber auch - wie bei der Prostitution - ganz offen.

Aber auch einfache Eltern lassen manchmal ihre Kinder in Unwissenheit, nicht nur, weil ihnen die Aufklärung peinlich wäre, sondern weil sie dadurch ihre eigenen Interessen durchsetzen wollen, z.B. um Enkelkinder zu bekommen. Und so verwundert es nicht, dass fast alle Revolutionen, die länger nachgewirkt haben, auch sexuelle Revolutionen (entweder Liberalisierung oder Repression) bewirkt haben.

Die Sexual-Ausbildung erfolgt bei uns immer noch eher zufällig und nicht offen. Das Wissen, das über Pornofilme z.B. auch im Fernsehen vermittelt wird, ist für die Sexualpraxis kaum anwendbar. Der wesentliche Unterschied liegt darin, dass die Bilder vor allem animieren sollen, aber die sexuelle Befriedigung nicht nur über das Auge läuft, sondern über alle Sinne des Körpers. Am Beispiel der Eltern lässt sich Sexualwissen auch nicht erwerben, weil man diesen beim Sex nicht zuschauen kann und weil sie kaum darüber reden.

Viele wollen mit deiner Sexualität Geld machen oder Macht ausüben.
Für ein befriedigendes Sexualleben aber musst du selbst sorgen.

Der Preis, den unsere Gesellschaft für das Unvermögen in sexueller Ausbildung zahlt, ist hoch. Unendlich viel Tränen, Geld und Lebensfreude verliert unsere Gesellschaft dadurch. Aber offenbar scheint es für viele verantwortliche Menschen besser zu sein, Anfänger und Stümper aufeinander loszulassen, als das Risiko einer Information einzugehen.

Jugendliche sind zwar an Sexfragen extrem interessiert, aber sie lehnen eine persönliche Unterweisung oder Erziehung darin meist ab, weil sie ihnen peinlich ist. Aber das Internet ist gutes Medium die Kluft dafür zu überbrücken und es sollte von ihnen auch genutzt werden können. Ich finde es daher geradezu lächerlich, wenn manche Schulen Sex-Seiten auf ihren Servern ausblenden wollen. Im Gegenteil, die Schulen sollten sogar gute Seiten auf ihre Server laden und die Schüler darauf aufmerksam machen!

Auch Erwachsene zeigen oft großen Mangel an Sexualwissen. Sie bringen zuwenig Erfahrung mit, es gibt zu viele (falsche) Vorurteile und sie verlieren im täglichen Trubel irgendwann auch das Interesse, sich in Sexualfragen weiterzubilden.

Ein gute Grundlage für Sexualwissen sind Bücher. Sie bekommt man in jeder Buchhandlung oder auch bei www.amazon.de. Einfach reinklicken und mit den entsprechenden Begriffen (z.B. Joy Sex) suchen. Es gibt immer wieder Neues am Markt.

Manchmal sind die Jugendlichen auch gut über die Biologie aufgeklärt, aber es herrscht völliges Unwissen über die Vorstufen des Sexualkontaktes, wie Liebe, Erotik, Flirten, Komplimente machen, Kontakte herstellen. Zum Glück gibt es dazu im Internet genügend Angebote.

Liebe ist loyale Freundschaft mit gutem Sex

Auf Sonderthemen, so wichtig sie für die Betroffenen auch sein mögen, gehe ich nicht ein. Das Internet ist voll davon und es wird jeder, der danach sucht, auch fündig werden.


Männer sind anders als Frauen

Zu den grundlegenden Einsichten gehören die biologischen Unterschiede von Frauen und Männern. Männer sind vor allem darauf programmiert, viele Nachkommen zu produzieren. Frauen achten eher auf die Qualität der Nachkommen.

Die Evolution hat diese Aufgabe so gelöst, dass Männer ständig Samen produzieren können (und dieses auch tun, wenn sie nicht allzu gestresst sind) und diesen damit auch ständig abgeben wollen.

Vor allem jugendliche Männer kommen damit am Anfang schlecht zurecht. Sie entdecken ihren Trieb zuerst mit den feuchten Träumen, erotischen Träumen mit Samenerguss während des Schlafens.

Später ist dieser Trieb die Grundmotivation zu heiraten und eine Familie zu gründen. Männer suchen in der Ehe primär eine Sexualpartnerin, Frauen eher ein Umfeld, das ihnen erlaubt möglichst problemfrei Kinder großzuziehen.

Männer wollen immer nur das Eine, zum Glück haben es die Frauen.

Zu meinen Ratschlägen gehört, sich früh Sexualpartner zu suchen. Und zwar unabhängig davon, ob diese auch die späteren Ehepartner sind oder sein können. Der Sinn dieser frühen Sexualpartnerschaften ist nicht Kinder zu bekommen, sondern erstens zufriedener zu werden, aber auch, um sexuell erfahrener zu werden.

Damit dies klappt muss Know-How über die Verhütung vorhanden sein. Hier rate ich vor allem den Arzt zu befragen. Für junge Männer wird das Kondom zur ersten Wal gehören, Frauen werden wohl die Pille nehmen oder sich mit der Handhabung des Diaphragmas vertraut machen müssen. Männer ab 40 (mit schon genügend Kindern) sollten unbedingt die Sterilisation in Betracht ziehen. Alle anderen Verhütungsmethoden (Eisprung etc.) sind unsicher.

Das Kondom bewahrt nicht nur vor ungewollter Schwangerschaft, sondern schützt auch gut vor Krankheiten. Also habe im Zweifel immer eins bei dir. Der Kauf ist ja heute wirklich problemlos geworden. (In meiner Jugend galt es noch als Mutprobe Kondome zu kaufen)

Für junge Männer ist oft eine etwas reifere Frau eine gute Wahl, ihr Problem der jugendlichen Sexualität in den Griff zu bekommen. Denn wer seine Sexualität nur in der Fantasie und in der Selbstbefriedigung auslebt, wird sie nicht unbedingt als Quelle großer Freude erleben, sondern eher als Problem ansehen. Es war in früheren Zeiten durchaus üblich, dass eine entfernte ältere Verwandte oder eine Bekannte (z.B. eine Witwe) die sexuelle Erziehung junger Männer übernommen hat.

Ebenso ist für eine junge Frau ein erfahrener Sexualpartner von Vorteil. In jedem Fall soll die sexuelle Partnerschaft vor der Hochzeit ausprobiert werden. Dies widerspricht zwar der Norm vieler Religionen, aber kann viel persönliches Leid ersparen. Hier ist der Konflikt zwischen Interessen der Gesellschaft und persönlichen Interessen vorprogrammiert. Im Zweifel gebe ich den persönlichen Interessen - im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten - den Vorzug!


Ehe-Partnerauswahl

Mit diesen Menschen geht man lange Verpflichtungen ein. Ihre Auswahl wird entscheidend euer Leben prägen. Wenn ich meinen Kindern einen aufrichtigen Rat für die Wahl gebe, dann lautet dieser:

Sucht euch für das gemeinsame Leben einen Menschen

  • Der gesund ist. Nicht nur physisch, sondern auch psychisch. Jemand, der auch belastbar ist. Ein gutes Kriterium für Gesundheit ist die Fähigkeit zu arbeiten und sich auch damit seinen Lebensunterhalt zu verdienen.
  • Der euch ähnlich ist. Die Ähnlichkeit sollte wenigsten in einigen Bereichen gegeben sein. Damit wird das Leben viel angenehmer. Kritische Bereiche, in denen die Ähnlichkeit oder zumindest dieselbe Meinung unbedingt gegeben sein sollen, sind:
  1. Sexualität
  2. Geld
  3. Kindererziehung, Anzahl der Kinder
  4. Weltanschauung
  • Mit dem das Leben leichter und angenehmer ist, als ohne ihn. Ein gutes Kriterium ist die Zeit die ihr mit einem Menschen zusammen seid. Wenn alles mit ihm, mit ihr, besser und einfacher geht, ist das ein gutes Zeichen.
  • Der ehrlich und meistens verlässlich ist. Unehrlichkeit oder sogar ein Hang zur Kriminalität belastet immer. Unverlässlichkeit ist sehr lästig.
  • Der brauchbare Manieren hat und etwas auf Sauberkeit achtet. Rüpel und Schmutzfinken gehen dir auf die Dauer immer auf den Geist.
  • Dessen Eltern und die meisten Freunde du schätzt.
  • Der unterhaltsam ist, gerne lacht und aktiv ist. Dann hast du weniger Langeweile in deinem Leben.
  • Der auch alleine gut zurecht kommt.
  • Den du gerne riechst und mit dem du gerne, zum Beispiel auch Essen oder Reisen, genießt.
  • Mein persönliches Zusatzkriterium: der nicht raucht und kein Alkoholiker ist. Alkoholiker ist jeder, der mindestens einmal am Tag Alkohol trinken muss. Die Menge ist dabei weniger wichtig. Mit zunehmendem Alter wird die Menge sicher zunehmen.

Kann man auch sexuelle Beziehungen haben, ohne zu heiraten?

Ja sicher, aber man sollte doch immer etwas Vorsicht walten lassen. Sexuelle Beziehungen sind nahe Beziehungen und deshalb immer kritisch, begibt man sich in sie, kann man auch großen Schaden erleiden. Ich teile die potentiellen Gefahren in die großen K's ein:

Krankheiten:

Nicht nur AIDS kann man sich holen, auch die anderen klassischen Geschlechtskrankheiten, selbst einfacher Pilzbefall, können unangenehm werden. Da schützen doch Kondome ganz brauchbar.

Bevor man die Kondome ablegt, geht man miteinander Blutspenden. Dann könnt ihr schon AIDS sicher ausschließen. Und das Rote Kreuz hat auch etwas davon.

Ungewollte Kinder:

Wie gesagt, die Verhütung ist ein komplexes Kapitel, hier muss man sich informieren.

Kummer:

Liebe kann auch Kummer machen, höllische Schmerzen verursachen, sogar die Liebenden in den Tod treiben. Aber Kummer gehört zu den Risiken, die man im zwischenmenschlichen Bereich immer, mit oder ohne Sexualität, eingeht.

Kriminalität:

Nicht nur im Umfeld der Prostitution ist dies ein Thema. Auch unter Normalsterblichen wird mit Sexualität erpresst, kriminelle Macht ausgeübt (z.B. zum Diebstahl oder Meineid verleitet), Spionage betrieben, u.ä.m.

Wenn Sexualität nicht im eigenen Raum bleibt, sondern mit anderen Interessen vermischt wird, muss man sie abbrechen. Hier kann man sonst leicht in eine Falle tappen, aus der man schlecht wieder rauskommt. Dies mag schwer fallen, aber wenn man den Anfängen wehrt, geht es leichter, als wenn man schon total verfallen und verstrickt ist.


Wie ist das mit der Treue?

Treue ist sowohl Vorbedingung, aber vor allem auch Ergebnis befriedigender Sexualität. Wobei ich den Ergebnis-Aspekt wichtiger halte. Untreu wird, der in der Partnerschaft nicht genügend befriedigt ist. Das klassische Vorurteil ist, dass vor allem Männer untreu sind, was ja auch der biologischen Programmierung entspricht.

Hier sind die Frauen gefordert, ihre soziale Intelligenz einzusetzen, wenn ihnen Treue wichtig ist. Ein Mann, der regelmäßig verführt (ich nenne dies gerne provokativ 'entsamt' ) wird, und gut behandelt wird, wird kaum Motivation zum Seitensprung haben. Einfacher Zugriff zu gutem Sex ist immer noch ein bewährtes Mittel, einen Mann zu halten.

Und eine Frau, die ihren Wünschen gemäß befriedigt wird, oft genug umarmt wird, vor allem genügend Zeit, Wärme und Hautkontakt bekommt und gut behandelt wird, genügend viel finanzielle und praktische Unterstützung beim Großziehen der Kinder bekommt, wird auch eher bei der Stange bleiben.

Vorübergehende Untreue würde ich nicht groß betonen. Hier drastisch zu reagieren schadet mehr, als es bringt. Viele Scheidungen wären unnötig, wenn man da mehr Geduld hätte und sich mehr aufs Verführen verlegt, als aufs Prozessieren.


Sexualität im Alter

Ein aktives Sexualleben ist eine wichtige Quelle, um das Alter zu genießen aber auch, um ein langes Leben zu führen. Männer können dafür optimal beitragen, wenn sie sich so um die 45 herum - vorausgesetzt sie haben bis dahin genügend Kinder gezeugt - sterilisieren lassen.

Eine weitere Vorbedingung ist, sich wenig um Normen der Gesellschaft zu kümmern. Denn diese will sexlose alte Wesen. Sexualität im Alter wird als peinlich registriert. Aber wer taktvoll genug ist und über seine Liebschaften schweigt, wird beide Aspekte leicht vereinigen können.

Wer die Unterstützung von Medizin (Viagra) oder leichten Drogen (ein Glas Wein) braucht, sollte dies mit seinem Arzt absprechen. Er wird ihn/sie dabei sicher unterstützen.


Einsichten

Menschliche Beziehungen haben immer eine erotische Komponente.

Ehemalige Liebespaare können nur ab einem gewissen Reife-Alter gute Freunde sein. In der Jugend bedeutet Abbruch der Sexualbeziehung fast immer auch Abbruch der Freundschaft.

Etwas Eifersucht gibt es immer und ist normal. Krankhafte Eifersucht zerstört jede Beziehung.

Mehrere Sexualpartner bereichern ein Leben, aber reduzieren auch die Tiefe einer Beziehung. Es ist also völlig ok und man hat nichts versäumt, wenn man nur mit einem Menschen sein Glück findet.

Es wird in jedem Leben auch partnerlose Phasen geben. Deshalb sollte jeder Mensch auch ein befriedigendes Repertoire an Möglichkeiten zur Selbstbefriedigung haben.

Nimm die Ehe nicht zu ernst.

Liebeskummer vergeht von selbst.

Sexualität wird reizvoller, wenn sie verboten ist.

Sexualität wird zwar in der Lebensphase zwischen 15 und 35 Jahren am wichtigsten sein, aber es gibt sie auch bei Babys und im Altersheim.

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Das Praxilogie Buch (2009)

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