Das Praxilogie Buch von Dr. Otto Buchegger TübingenKomplexität

Zum wichtigsten Instrument für komplexe Situationen gehört die Erkenntnis oder auch Einsicht, dass man eine komplexe Situation oder ein komplexes Problem vor sich hat und nicht nur ein einfaches Problem. So ist die einfache, schnelle Lösung im Normalfall dann die Falsche.

Erfahrene Menschen schalten bei komplexen Problemen so eine Art Warnlicht an, das sagt: ACHTUNG KOMPLEXES PROBLEM, NORMALE REGELN GELTEN NICHT MEHR. Auf Erfahrung ist vielleicht kein Verlass mehr,  ja selbst Sinne können getäuscht sein!

Denn in der Tat läuft in der Praxis vieles anders als man es theoretisch erwarten würde oder man es sich ausgedacht hat. So führen gedachte Verbesserungen zu tatsächlichen Verschlechterungen. Oder man löst ein Problem und erzeugt viel neue Probleme damit. Oder 'richtige' Einzelentscheidungen führen trotzdem zur Katastrophe.

Das Reaktorunglück von Tschernobyl ist ein trauriges Beispiel dazu. Hier hat man nachträglich dann feststellen müssen, dass die Komplexität des Reaktortyps die Menschen überfordert hat.

Wichtig wären daher Kriterien, die schon vor dem tatsächlichen Versagen andeuten, dass man ein komplexes Problem vor sich hat. So dass man das Warnlicht anschalten kann, bevor man die ersten Fehler macht. Und tatsächlich gibt es sichere Indizien dafür. Immer wenn man es mit einer großen Anzahl von Elementen zu tun hat, unter denen es auch Abhängigkeiten gibt, hat man es mit großer Wahrscheinlichkeit mit Komplexität zu tun.

Vor allem wenn diese Abhängigkeiten nicht genau bekannt sind, oder wenn sie nichtlinear sind (lineare Zusammenhänge kann man mit einer Geraden im Schaubild darstellen), hat man es sicher mit Komplexität zu tun. Auch schon eine relativ kleine Anzahl von Elementen (z.B. mehr als 7) führt zu Komplexität.

Schon die Probleme eines Menschen oder einer Partnerbeziehung können extrem komplex sein!

Komplexität wird immer auch eine subjektive Komponente haben. Was für einen Anfänger schon hochkomplex ist, ist für den Erfahrenen simple Routine.

Das Autofahren. Für den Fahrschüler sind sowohl die technische Koordination von Schaltung, Kupplung, Gas und Bremse sehr schwierig oder gar das Einschätzen einer etwas unübersichtlichen Verkehrsituation. Der routinierte Autofahrer hingegen handhabt alle diese Probleme so leicht und schnell, dass er schon gar nicht mehr darüber nachdenken muß.

Weil gedachte Verbesserungen oft tatsächliche Verschlechterungen bringen, erklärt dies auch die Beliebtheit von Provisorien. Sie lösen oft nur ein singuläres Problem und machen nicht alles neu, und führen so weniger zu neuen Problemen.

Auch die Anpassung an ein Problem anstelle der Lösung des Problems kann ein kluge Entscheidung sein, um einfacher zu überleben. Speziell wenn manche Probleme nur vorübergehend auftreten, ist es klug sich anzupassen oder abzuwarten und das Problem mehr oder weniger zu ignorieren.

Die Pubertät ist eine schwierige Zeit für Eltern und Kinder. Sie dauert etwa 1000 Tage. Mit jedem Tag, der vorbeigeht und man die Pubertät einfach erträgt, hat man 1 Promille des Problems gelöst.

Neben Routine sind Einfachheit und Robustheit der Werkzeuge das bewährteste Mittel im Umgang mit Komplexität. Wenn die verwendeten Werkzeuge einfach und robust sind und keine Nebeneffekte haben, dann ist die Chance groß, dass jeder Beteiligte sie durchschauen wird (Einfachheit) und sich auf den gewünschten Effekt verlassen kann (Robustheit).

Softwareprogramme gehören zu den komplexesten Schöpfungen des menschlichen Geistes. Aber auch die kompliziertesten Programme sind nur aus ganz einfachen Instruktionen zusammengesetzt.

Aber damit allein ist es nicht getan, weil es immer noch eine Zeitkomponente gibt, wie wir gleich sehen werden.

 

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