Gewinn - Gewinn
Das Win-Win Konzept, zu deutsch Gewinn-Gewinn, ist ein zentrales Konzept in der
Kooperation. Es besagt, dass Abkommen (Deals) nur dann geschlossen werden, wenn beide
(alle) dabei gewinnen. Ist Gewinn-Gewinn nicht möglich, kommt es nicht zum Geschäft.
In der Praxis wird man nicht immer die Freiheit haben, nur solche Abkommen zu
schließen, aber sie sind in jedem Fall ein erstrebenswertes Ziel.
Man muß jetzt dies nicht nur für jeden einzelnen Deal allein sehen, sondern kann auch
- über die Zeit - kumulierte Gewinne betrachten. Dazu muß man sich Beziehungskonten
vorstellen, die im wesentlichen beide im Positiven sein sollten und in etwa einen
ausgeglichenen Stand haben sollten. Einzahlungen ins Beziehungskonto finden nur statt,
wenn beide - der Bezahler und der Empfänger - sie akzeptieren.
Es gibt in einer Zweierbeziehung zwei Beziehungskonten. Mein Konto für dich und dein
Konto für mich. Ich tue dir nun etwas Gutes - zahle damit in dein Konto ein. Aber dies
zählt nur, wenn du auch der Meinung bist, dass ich dir etwas Gutes getan habe.
Gelegentlich kann ich nun von deinem Konto Abhebungen machen - d.h. dich um etwas bitten.
Solange genug auf dem Konto ist, wirst du mir diese Bitten nicht abschlagen.

Es ist klug, den Kontostand solcher Beziehungskonten gelegentlich zu testen, indem
nicht nur Einzahlungen vorgenommen werden, sondern auch immer wieder Abhebungen. Sonst
wird man enttäuscht sein, wenn man sieht, dass die eigenen Einzahlungen vom Partner gar
nicht als solche akzeptiert wurden und das Konto leer ist!
Die Gewinn-Gewinn Strategie ist natürlich nicht nur die einzig mögliche. Im Sport
gibt es fast immer nur die Möglichkeit entweder zu gewinnen oder zu verlieren. Bringt man
allerdings auch hier das Zeitelement hinein, kann man u.U. - wenn es nicht ungesetzlich
oder unfair ist - auch hier nach Gewinn-Gewinn Konzepten suchen. 'Ich lasse dich heute
gewinnen, wenn du mich morgen gewinnen läßt' wäre so eine Möglichkeit.
Aber auch Verlust-Verlust ist ein häufig praktiziertes Konzept. 'Ich werde soviel wie
möglich verlieren, wenn du dabei nur auch mit verlierst' scheint in Scheidungssituationen
ein gängiges Beispiel dafür zu sein. Gewinner sind dabei allerdings nur die
Rechtsanwälte. Und auch für alle anderen Kombinationen lassen sich aus dem täglichen
Leben Beispiele finden.
Ein interessantes Beispiel ist das TÜRAUFHALTEN. In Österreich wird der höfliche
Vorausgehende die Tür nach innen zu sich öffnen, zurücktreten und den oder die
Bevorzugten durch die Tür gehen lassen. Er verspricht sich von seinem Nachteil des
Zurücktretens Wohlwollen, das er später einlösen kann. Der Deutsche hingegen geht erst
durch die Tür und hält sie den Nachkommenden auf, die diese Dienstleistung weitergeben
müssen, wenn mehrere Personen durch dieselbe Tür gehen. Kommen nun Österreicher und
Deutsche bei einer Türe zusammen, dann funktioniert das Einzahlen auf die
Beziehungskonten nicht mehr. Beide können damit ihre wechselseitigen Vorurteile ausbauen:
Der Deutsche ist in den Augen des Österreichers egoistisch und rücksichtslos, weil er
unhöflich agiert, der Österreicher in den Augen des Deutschen dumm, weil er uneffizient
handelt.
Das Suchen nach Gewinn-Gewinn ist nicht immer leicht, es erfordert auch Übung. Es
wäre schön, wenn schon unsere Kinder darin unterwiesen würden und sie eine lebenslange
Praxis dafür aufbauen würden.