Eskalationen
Eskalationen sind - in der betrieblichen Praxis - Entscheidungen von Konflikten durch
das höhere Management. Dazu gehören aber auch Schiedssprüche durch ein selbst
gewähltes Schiedsgericht oder auch das Abtreten von Entscheidungen an eine übergeordnete
Stelle.
In der Politik wird der Begriff 'Eskalation' auch auf Steigerungen in der Intensität
von Konflikten angewandt, in diesem Sinn will ich hier nicht auf ihn eingehen.
Im privaten Bereich gibt es leider kaum Eskalationsanlaufstellen, die Gerichte
natürlich ausgenommen. Viele langjährige Ehestreitigkeiten z.B. könnten wegfallen, wenn
es sie gäbe. Und auch der Untergang vieler Firmen könnte verhindert werden, wenn die
Besitzer, entweder Partner oder Familienmitglieder, eskalieren könnten und sich nicht bis
zum gemeinsamen Untergang streiten!
Ich wünsche mir, dass sich mit der Mediation - die sich bei Scheidungsfragen bewährt
hat - hier neue Ansätze ergeben. Allerdings wird die Mediation, bei der die neutralen
Dritten keine Entscheidungsmacht haben, immer auf den positiven Willen der Beteiligten
angewiesen sein.
Bei Eskalationen gibt man die eigenen Verhandlungsmöglichkeiten aus der Hand und man
muß mit einem fremden Schiedsspruch leben. Deshalb sucht man Eskalationen nicht
leichtfertig, sondern nur, wenn man den Konflikt nicht gemeinsam lösen kann.
Dies wird zum Beispiel der Fall sein, wenn zwei Gruppen widersprüchliche Ziele haben,
die sie von ein und derselben Person bekommen haben.
In einer Firma bekommt eine Entwicklungsabteilung den Auftrag, möglichst viele
Funktionen in ein Produkt einzubauen, die Nachbarabteilung aber bekommt als Ziel dafür zu
sorgen, dass das Produkt möglichst billig wird. Hier sind Konflikte gewollt und
vorprogrammiert, die in einer Eskalation vom obersten Entwicklungschef gelöst werden
müssen.
In einem kooperativen Umfeld sollte man es sich wirklich dreimal überlegen, ob man
eskalieren will oder ob es nicht wesentlich klüger ist, den Konflikt mit einer der in den
vergangenen Kapiteln beschriebenen Methoden (Win-Win) selbst zu lösen. Denn sobald man
das Problem aus der Hand gibt, gibt man auch Freiheit aus der Hand und läßt fremde Macht
zu. Muß man aber eskalieren, dann sollte man es nicht allzu oft tun!
Streit macht arm
(gilt nicht für Juristen) |
Folgende Vorgangsweise hat sich bei Eskalation bewährt. Sie zielt
darauf ab, möglichst viele Emotionen aus dem Konflikt zu nehmen und damit etwas
nüchterner zu überprüfen, was man denn wirklich zu verlieren oder zu gewinnen hat.
Der erste Schritt ist, die verschiedenen Positionen schriftlich zu formulieren. Dies
bringt Klarheit. In der Hitze von Diskussionen verbeißt man sich leicht und zum Schluß
weiß man gar nicht mehr, warum man gestritten hat. Manchmal sind die Unterschiede
wirklich nur Kleinigkeiten. Da hilft das schriftliche Formulieren.
Hat man beide Positionen vor sich, kann man leichter prüfen, ob man vielleicht selbst
doch nicht recht hat. Aus der Distanz zur eigenen Position und für sich allein sollte man
testen, ob der Kontrahent nicht vielleicht doch recht hat.
Man überprüfe - jetzt mit den Augen des Vorgesetzten - ob und wie man gewinnen wird.
Und vor allem um wieviel es denn wirklich geht. Lohnt sich der Einsatz denn? In dieser
Phase ist es vielleicht noch immer Zeit für einen Kompromiß!
Bevor man zum Schiedsgericht geht, sollte man Faktenübereinkunft erzielen. Das heißt,
beide Parteien stimmen in der Sicht der vorgelegten Fakten und verschiedenen Meinungen
überein. Dies ist wichtig und wird in einem kooperativen Umfeld auch möglich sein. Sie
erleichtert es der Entscheidungsstelle wesentlich, eine für beide akzeptable Lösung zu
finden.
Da trotz aller Versuche, die Emotionen klein zu halten, es fast immer um viel geht, ist
es klug, nur immer eine Sache entscheiden zu lassen. Es kommt andernfalls gerne zu
Situationen, wo das Schiedsgericht überfordert wird und niemand mehr über die Eskalation
allzu glücklich ist.
Eskalationen beenden Streit, denn dieser vernichtet normalerweise viele wichtige
Ressourcen. Aus diesem Grund sollten Eskalationen so schnell wie möglich entschieden
werden. In einigen Firmen darf eine Eskalation maximal 2 Arbeitstage schwelen, dann muß
sie entschieden sein.
Hat man keine Chance schnell zu eskalieren, dann kann man immer noch losen! Es ist oft
viel besser, eine Entscheidung schnell mit einem Los herbeizuführen, als weiter unnötig
zu streiten!
Ein kluges Schiedsgericht wird i.A. so entscheiden, dass niemand bei einer Eskalation
klar siegt. Denn dieser Sieg lädt zu weiteren - vielleicht auch unnötigen -
Auseinandersetzungen und sogar Kämpfen ein. Denn nur jene Kämpfer werden den Frieden
suchen, die einsehen müssen, dass sie für einen Sieg keine Chance haben.
Solange der Krieg mehr Nutzen zu bringen scheint als der Friede, wird der Krieg
gewählt werden, auch wenn er dann doch alle ins Verderben reißen wird.
Aus diesem Grund kritisiere ich auch das bestehende Rechtschutzversicherungswesen in
Deutschland. Es fördert eine unqualifizierte Streitkultur, die viel Leid über das Land
bringt. Hier mündet oft der berechtigte Schutz gegen die Willkür anderer in eine
permanente Streiterei einzelner Streithähne, die das System pervertieren.
Streit und Kampf
Deutschland ist ein gut geeignetes Terrain, um die Auswirkungen von beiden zu
studieren. Das hängt schon mit der Sprache zusammen, die ein klares "Nein"
kennt. In den meisten anderen Kulturen zieht man eine Umschreibung der Ablehnung vor.
Dann war die Kleinstaaterei in der Vergangenheit förderlich, mit engen Grenzen und
engem Geist. Die Liberalen waren immer in der Minderheit. Bis heute weidet man sich an
Streit (im Fernsehen nennt man ihn Talk-Show) und an Kampf (im Sport). Gewerkschaften
verhandeln nicht, sondern sie "kämpfen um den letzten Arbeitsplatz".
Die Neigung, alles festzuschreiben, provoziert Streit, weil diskutiert werden muss, was
denn die "richtige Lösung" ist. Kaum jemandem ist es egal, wie etwas ausgeht,
die meisten haben eine dezidierte Meinung, was "richtig oder falsch" ist, auch
wenn es sie gar nicht betrifft.
Ein Vorteil dieser Kultur liegt sicherlich darin, dass in manchen Bereichen kurzfristig
tatsächlich optimale Lösungen gefunden werden. Der Nachteil aber ist, dass sich in
vielen Fällen der Aufwand dafür überhaupt nicht lohnt. |