Das Praxilogie Buch von Dr. Otto Buchegger TübingenEskalationen

Eskalationen sind - in der betrieblichen Praxis - Entscheidungen von Konflikten durch das höhere Management. Dazu gehören aber auch Schiedssprüche durch ein selbst gewähltes Schiedsgericht oder auch das Abtreten von Entscheidungen an eine übergeordnete Stelle.

In der Politik wird der Begriff 'Eskalation' auch auf Steigerungen in der Intensität von Konflikten angewandt, in diesem Sinn will ich hier nicht auf ihn eingehen.

Im privaten Bereich gibt es leider kaum Eskalationsanlaufstellen, die Gerichte natürlich ausgenommen. Viele langjährige Ehestreitigkeiten z.B. könnten wegfallen, wenn es sie gäbe. Und auch der Untergang vieler Firmen könnte verhindert werden, wenn die Besitzer, entweder Partner oder Familienmitglieder, eskalieren könnten und sich nicht bis zum gemeinsamen Untergang streiten!

Ich wünsche mir, dass sich mit der Mediation - die sich bei Scheidungsfragen bewährt hat - hier neue Ansätze ergeben. Allerdings wird die Mediation, bei der die neutralen Dritten keine Entscheidungsmacht haben, immer auf den positiven Willen der Beteiligten angewiesen sein.

Bei Eskalationen gibt man die eigenen Verhandlungsmöglichkeiten aus der Hand und man muß mit einem fremden Schiedsspruch leben. Deshalb sucht man Eskalationen nicht leichtfertig, sondern nur, wenn man den Konflikt nicht gemeinsam lösen kann.

Dies wird zum Beispiel der Fall sein, wenn zwei Gruppen widersprüchliche Ziele haben, die sie von ein und derselben Person bekommen haben.

In einer Firma bekommt eine Entwicklungsabteilung den Auftrag, möglichst viele Funktionen in ein Produkt einzubauen, die Nachbarabteilung aber bekommt als Ziel dafür zu sorgen, dass das Produkt möglichst billig wird. Hier sind Konflikte gewollt und vorprogrammiert, die in einer Eskalation vom obersten Entwicklungschef gelöst werden müssen.

In einem kooperativen Umfeld sollte man es sich wirklich dreimal überlegen, ob man eskalieren will oder ob es nicht wesentlich klüger ist, den Konflikt mit einer der in den vergangenen Kapiteln beschriebenen Methoden (Win-Win) selbst zu lösen. Denn sobald man das Problem aus der Hand gibt, gibt man auch Freiheit aus der Hand und läßt fremde Macht zu. Muß man aber eskalieren, dann sollte man es nicht allzu oft tun!

Streit macht arm
(gilt nicht für Juristen)

Folgende Vorgangsweise hat sich bei Eskalation bewährt. Sie zielt darauf ab, möglichst viele Emotionen aus dem Konflikt zu nehmen und damit etwas nüchterner zu überprüfen, was man denn wirklich zu verlieren oder zu gewinnen hat.

Der erste Schritt ist, die verschiedenen Positionen schriftlich zu formulieren. Dies bringt Klarheit. In der Hitze von Diskussionen verbeißt man sich leicht und zum Schluß weiß man gar nicht mehr, warum man gestritten hat. Manchmal sind die Unterschiede wirklich nur Kleinigkeiten. Da hilft das schriftliche Formulieren.

Hat man beide Positionen vor sich, kann man leichter prüfen, ob man vielleicht selbst doch nicht recht hat. Aus der Distanz zur eigenen Position und für sich allein sollte man testen, ob der Kontrahent nicht vielleicht doch recht hat.

Man überprüfe - jetzt mit den Augen des Vorgesetzten - ob und wie man gewinnen wird. Und vor allem um wieviel es denn wirklich geht. Lohnt sich der Einsatz denn? In dieser Phase ist es vielleicht noch immer Zeit für einen Kompromiß!

Bevor man zum Schiedsgericht geht, sollte man Faktenübereinkunft erzielen. Das heißt, beide Parteien stimmen in der Sicht der vorgelegten Fakten und verschiedenen Meinungen überein. Dies ist wichtig und wird in einem kooperativen Umfeld auch möglich sein. Sie erleichtert es der Entscheidungsstelle wesentlich, eine für beide akzeptable Lösung zu finden.

Da trotz aller Versuche, die Emotionen klein zu halten, es fast immer um viel geht, ist es klug, nur immer eine Sache entscheiden zu lassen. Es kommt andernfalls gerne zu Situationen, wo das Schiedsgericht überfordert wird und niemand mehr über die Eskalation allzu glücklich ist.

Eskalationen beenden Streit, denn dieser vernichtet normalerweise viele wichtige Ressourcen. Aus diesem Grund sollten Eskalationen so schnell wie möglich entschieden werden. In einigen Firmen darf eine Eskalation maximal 2 Arbeitstage schwelen, dann muß sie entschieden sein.

Hat man keine Chance schnell zu eskalieren, dann kann man immer noch losen! Es ist oft viel besser, eine Entscheidung schnell mit einem Los herbeizuführen, als weiter unnötig zu streiten!

Ein kluges Schiedsgericht wird i.A. so entscheiden, dass niemand bei einer Eskalation klar siegt. Denn dieser Sieg lädt zu weiteren - vielleicht auch unnötigen - Auseinandersetzungen und sogar Kämpfen ein. Denn nur jene Kämpfer werden den Frieden suchen, die einsehen müssen, dass sie für einen Sieg keine Chance haben.

Solange der Krieg mehr Nutzen zu bringen scheint als der Friede, wird der Krieg gewählt werden, auch wenn er dann doch alle ins Verderben reißen wird.

Aus diesem Grund kritisiere ich auch das bestehende Rechtschutzversicherungswesen in Deutschland. Es fördert eine unqualifizierte Streitkultur, die viel Leid über das Land bringt. Hier mündet oft der berechtigte Schutz gegen die Willkür anderer in eine permanente Streiterei einzelner Streithähne, die das System pervertieren.

Streit und Kampf

Deutschland ist ein gut geeignetes Terrain, um die Auswirkungen von beiden zu studieren. Das hängt schon mit der Sprache zusammen, die ein klares "Nein" kennt. In den meisten anderen Kulturen zieht man eine Umschreibung der Ablehnung vor.

Dann war die Kleinstaaterei in der Vergangenheit förderlich, mit engen Grenzen und engem Geist. Die Liberalen waren immer in der Minderheit. Bis heute weidet man sich an Streit (im Fernsehen nennt man ihn Talk-Show) und an Kampf (im Sport). Gewerkschaften verhandeln nicht, sondern sie  "kämpfen um den letzten Arbeitsplatz".

Die Neigung, alles festzuschreiben, provoziert Streit, weil diskutiert werden muss, was denn die "richtige Lösung" ist. Kaum jemandem ist es egal, wie etwas ausgeht, die meisten haben eine dezidierte Meinung, was "richtig oder falsch" ist, auch wenn es sie gar nicht betrifft.

Ein Vorteil dieser Kultur liegt sicherlich darin, dass in manchen Bereichen kurzfristig tatsächlich optimale Lösungen gefunden werden. Der Nachteil aber ist, dass sich in vielen Fällen der Aufwand dafür überhaupt nicht lohnt.

 

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