Das Praxilogie Buch von Dr. Otto Buchegger TübingenLebensort

Der Lebens- oder Wohnort ist für mich der wichtigste äußere Parameter für ein glückliches Leben. Und trotzdem nutzen ihn viele Menschen nicht aus. Höchstens, wenn sie ihren Urlaub aussuchen, bekommt ein Ort Bedeutung oder für gutverdienende Menschen auf der Flucht vor der Steuer.

Es gibt sicher viele Gründe, warum Menschen ihren Lebensort nicht verlassen wollen oder auch können. Wer in seiner Heimat tief verwurzelt ist, wird gar nicht auf die Idee kommen, sie zu verlassen. Und wer keinen Paß bekommt, kann auch nicht auswandern. Aber junge Menschen, vor allem die Bürger der EU, sollten sich zumindest die Frage nach dem Lebensort stellen und auch einige Versuche unternehmen, sich einen geeigneteren zu suchen. Und Menschen, die in ihrem Umfeld unglücklich sind, finden mit dem Auswandern vielleicht eine wesentlich bessere Umgebung für sich. Dazu will ich hier beitragen.

Ich weiß, dass die Welt sehr unterschiedlich ist und es nicht angebracht ist, allgemeine Maßstäbe für die Auswahl anzugeben. Trotzdem versuche ich Gemeinsamkeiten aufzuzeigen, zumindest als Denkanstöße. Letzten Endes wird ja jeder ohnehin ganz subjektiv entscheiden, wo er oder sie das Glück findet.

Folgende Faktoren werden u.a. wesentlich für die Entscheidung sein:

Dies ist keine Prioritätsliste, sondern jeder Faktor kann wichtig und entscheidend sein. Ich gehe auf alle ein bißchen ein, in der Hoffnung dadurch Anregungen zum Ausprobieren zu geben. Für die Jugend werden andere Faktoren wichtiger sein als für alte Menschen, es ist also nicht unwahrscheinlich, dass jeder Mensch im Laufe der Zeit einige Lebensorte haben wird.

Die Abhängigkeit der Zeit von

Wohlstand: Je gesünder die Wirtschaft, desto höher das Tempo.

Industrialisierung: Je entwickelter ein Land, desto weniger freie Zeit bleibt pro Tag.

Einwohnerzahl: Größere Städte haben ein schnelleres Tempo.

Klima: Heißere Orte haben ein langsameres Tempo.

Kulturelle Werte: In individualistischen Kulturen bewegt man sich schneller als in vom Kollektivismus geprägten.

Persönlichkeit: Die Zeit vergeht bei verschiedenen Menschen verschieden schnell.

Einstellung: Angenehmes vergeht schnell, Unangenehmes nur ganz langsam.

(nach Robert Levine: Eine Landkarte der Zeit)

Menschen, die umziehen oder auswandern, dürfen über die neue Umgebung nicht zu schnell urteilen. Es wird immer Anpassungsarbeit notwendig sein. Vieles wird man erst erfragen, lernen, verändern und verstehen müssen. Vorurteile müssen abgebaut und die neuen Chancen erst gefunden und genutzt werden. Die Zeit eines kurzen Urlaubs wird kaum ausreichen, eine gute Entscheidung zu treffen.

Man wird für ein qualifiziertes Urteil etwa mit einem Jahr an Zeit rechnen müssen und erst etwa nach drei Jahren ein neues Umfeld wirklich verstehen. Hilfreich beim Entdecken dabei sind 'Pioniere', die gute Hinweise geben können, auch Literatur gehört dazu. Und nützlich ist auch immer wieder eine Rückkehr in die alte Umgebung, erst sie gibt den Unterschieden bessere Konturen. Denn schnell wird das Alte zu Unrecht glorifiziert! Und je älter die Menschen sind, um so schwieriger wird der Wechsel.


Klima

Nicht immer ist das Klima, in dem man geboren wurde, auch wirklich das optimale Umfeld für einen Menschen. So zieht es viele in die trockene Hitze der Wüste, weil sie dort nicht unter Krankheiten wie Allergie oder Rheuma leiden. Andere brauchen die Melancholie des Nordens, mit viel Regen in der Luft. Da das Klima so allumfassend ist, sollte man hier testen, bevor man sich für einen langen Zeitraum entscheidet.

Das Klima bestimmt nicht nur das eigene körperliche Wohlbefinden, sondern es prägt auch ganz signifikant die Seele und Kultur. In sonnigen Ländern sind die Menschen eher fröhlich als in Kältezonen. Aber schwierige Klimazonen haben die Menschen eher zu kulturellen Höchstleistungen herausgefordert, als Länder in denen der natürliche Überfluß herrschte und man nur zur nächsten Frucht greifen mußte, um sich zu ernähren.

Menschen sind zwar in hohem Masse anpassungsfähig, aber es sind doch biologische Grenzen gesetzt. Und wer diese lange überschreitet, wird krank und unglücklich werden. Also findet eure bevorzugten Klimazonen durch Testen heraus. Wer heute Frühling und Sommer liebt, wird bei uns eher in den Süden ziehen wollen, die Herbst- und Winterfans werden eher im Norden glücklich sein.

Informieren sollte man sich auch über die Möglichkeit von Naturkatastrophen. Schwere Stürme, Erdbeben und Überschwemmungen werden die häufigsten sein, aber auch Lawinen oder Feuer gibt es an vielen Plätzen. Oft sind es sogenannte Paradiese, die durch Naturkatastrophen innerhalb weniger Stunden zur Hölle werden können. Für kurze Aufenthalte wird man eventuelle Risiken eingehen können, aber bei der Wahl für dauerhafte Wohnorte sollte man schon vorsichtiger sein.


Wirtschaftsform (Arbeitsmöglichkeiten)

In einem reichen Land wird man anders leben als in einem armen. Immer einfach erscheint der Wechsel in ein reicheres Land. Da bleiben bei den schon reichen Deutschen, Österreichern und Schweizern nicht mehr viele Länder übrig.

Wer in ein armes Land wechselt, sollte Vorsorge treffen, von dort wieder flüchten zu können. Das vergessen viele Menschen und sie sind dann in einer lebenslangen Falle gefangen. Denn im armen Land kann man nicht mehr genug verdienen, um wieder wegzukommen.

Kapitalistische Länder sind einfacher für Neubürger, weil sie mehr Flexibilität erlauben, kommunistische Länder aber haben meist bessere Grundversorgung. Dort sind dann höchstens alle arm, in den kapitalistischen Ländern, sind es nur wenige, die dann aber subjektiv die Armut mehr spüren.

Ohne Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten wird man nicht glücklich werden. Also suche dir ein Land, das prosperiert oder zumindest im Aufschwung ist. Schließlich wirst du irgendwann Familie haben wollen und die will auch ernährt und ausgebildet sein.

Und ebenso wird man nie glücklich werden, wenn man mit den Menschen nicht zurecht kommt. Deshalb sind auch die folgenden Faktoren alle sehr wichtig.


 Einwohnerzahl, Größe

Diese Kriterien gelten sowohl für Länder als auch für Orte. Entscheidend aber ist vor allem die Einwohnerdichte und die Größe deines Ortes.

Große Länder erlauben mehr Freiraum, größere Auswahl, größere Märkte, mehr Vielfalt, u.U. auch mehr Freiheit. Kleinere Länder aber bieten oft interessante Nischen, sind flexibler, sind oft auch steuerlich günstiger.

Großstädte leben schneller, bieten mehr Auswahl und Abwechslung. Die Chance Gleichgesinnte zu finden ist in Großstädten höher. Aber die Menschen dort zählen weniger als Individuum, sie reden schneller, sie wissen auf Alles eine Antwort und sie grüßen dich nicht. Du kannst in einer Großstadt freier leben, aber es wird dir vielleicht keiner helfen, wenn du krank bist. Du wirst mehr Auswahl an Arbeitsmöglichkeiten haben, aber vielleicht auch leichter in Slums landen.

Der Gegensatz dazu ist das Leben im Dorfe oder auf dem freien Land. Da die Menschen dort sehr aufeinander angewiesen sind, werden sie dich auch entsprechend beobachten und einordnen. Wenn die Großstadt der Dschungel ist, dann ist das Dorf der Zoo. Menschen, die von der Stadt aufs Land ziehen, übersehen dies gerne und sind dann unangenehm von dieser Sozialkontrolle berührt. Aber wer sich dabei wohl fühlt, kann hier viel mehr Wärme und Kontakte im menschlichen Umgang spüren als in der Stadt.

Ein guter Kompromiß sind für mich Kleinstädte, besonders wenn sie auch Universitätsstadt sind. Deshalb hat es mich auch nach Tübingen gezogen. Aber wichtiger als die Kleinstadt ist die Universität. Ich würde in keine Stadt mehr ziehen wollen, in deren Nähe keine Universität zu finden ist.

Ein großer Vorteil kleiner oder mittelgroßer Städte (50.000 bis 200.000 Einwohner) ist der geringe Aufwand für das tägliche Leben. Die Wege sind kurz, es gibt wenige Verkehrsinfarkte, die notwendige Infrastruktur, wie Ärzte, Schulen, Behörden ist meist gut und alles ist noch übersichtlich.  


Religion

Ein wesentlicher Faktor für eine Region ist auch die herrschende Religion. Menschen, die in gottlosen Umgebungen aufgewachsen sind, vergessen gerne die Macht und den weitreichenden Einfluß von Religionen.

Religionen sind nicht nur für Bräuche und die Kultur entscheidend, sie sind auch maßgebend, wie tolerant man gegenüber Fremden und Neuem ist. Sie bestimmen auch entscheidend Gesetze und Ausbildungsmöglichkeiten.

Wer in ein Land zieht, dessen Hauptreligion ihm unvertraut ist, sollte sich unbedingt vorab informieren. Die Überraschungen und daraus erwachsenden Gefahren können groß werden.

Mir persönlich ist wichtig, dass Religion und Staat getrennt sind. Nur dann ist wirklich Glaubensfreiheit gewährleistet.


Regierungsform

Hier habe ich eine klare Präferenz zu flexiblen Demokratien. Auch wenn das Leben in Diktaturen einfacher sein sollte, ich meide sie und ein Regierungsformwechsel wäre für mich ein Grund zum Auswandern.

Aber auch bei den Demokratien gibt es Unterschiede. Föderalistische Staaten sind menschenfreundlicher als zentralistische. Flexible Demokratien (mit Regierungspartei und großer Opposition oder mit Präsidenten wie in den USA) sind angenehmer als Systeme mit langjährigen großen Koalitionen, die sehr anfällig für Korruption und das Aufsteigen unfähiger Politiker - durch Postenproporz - sind.

Ob die obersten Staatsrepräsentanten jetzt aber Monarchen oder gewählte Bundespräsidenten sind, halte ich für nicht entscheidend. Ihre Macht ist ohnehin gering und deshalb zu vernachlässigen. Allerdings ist es immer angenehm, wenn man durch seine Herkunft (Geburt) keine mit erworbenen Nachteile oder auch Vorteile festgeschrieben bekommt (z.B. eine Einteilung in Kasten).

Wichtig ist aber ein verläßliches Rechtssystem. Wer gewohnt ist, dieses zu haben, vergisst leicht die Bedeutung. Bei allen Nachteilen schätze ich Staaten mit geschriebenem Recht angenehmer ein, als Staaten mit Richterrecht (wie die meisten angelsächsisch orientierten Länder). So war z.B. das zweifelhafte Rechtssystem der USA einer der Hauptgründe dort doch nicht dauerhaft sesshaft zu werden.

Immer bedenklich ist zuviel Einfluß von Militär. Wenn der Diener eines Staates zu seinem Herrn wird, ist etwas faul. Dieser Einfluß äußert sich gerne in der Verletzung von Menschenrechten und damit kann ich schlecht umgehen. Denn die Chance, dass auch ich Opfer werden kann, will ich nicht eingehen.


Meine persönliche Checkliste für dauerhaft erfolgreiche Gesellschaftsformen

Für kurze Zeit kann man fast jedes Regime überleben, aber soll eine Gesellschaftsstruktur lange andauern, dann müssen sich die Bewohner darunter so wohlfühlen, dass sie diese auch mittragen und für ihren Erhalt kämpfen. Im Laufe der Zeit habe ich Punkte zusammengetragen, die mir ein persönliches Urteil über Gesellschaftsformen erleichtern sollen. Jede der hier angeführten Positionen halte ich für wichtig, fehlt auch nur eine, wird früher oder später das System zusammenbrechen. Anders ausgedrückt, ist hier meine persönliche Form der Menschenrechte angeführt.

  • Ausreichende und gesunde Ernährung, auch für die Familie
  • Eigentum, persönlicher Besitz, Privatatmosphäre in eigener Wohnung
  • Familie, Sex und Kinder
  • Heilung bei Krankheit, natürlicher Tod, keine Todesstrafe
  • Schöpferische Arbeit
  • Bildung, Ausbildung, Weiterbildung
  • Freiheit der Wahl und freie Meinungsäußerung
  • Mobilität, Reisen
  • Freizeit, Hobby
  • Kunst und Kultur
  • Religion (Glaube, wie auch Aberglaube, aber keine Missionare!)

Und wo steht Deutschland?

Noch bis vor einigen Jahren war Deutschland für mich ein rundum attraktives Land zum Leben. Aber es hat sich viel geändert. Auch Deutschland ist korrupt geworden. Mit der Bildung ist es nicht mehr weit her. Durch politischen Unverstand und Missbrauch sind die Sozialsysteme kollabiert. Dringend notwendige Reformen werden weiterhin verschleppt. Die deutschen Krankheiten von Überregulierung bis zum Stress auf den Autobahnen werden ignoriert und nicht kuriert.

Überall wird Angst geschürt: Zukunftsangst, Angst vor Lebensmitteln, Angst vor dem Islam, Angst vor der EU- Erweiterung, Klimaangst. Und Angst lähmt. Investitionen fehlen. Die guten Leute gehen weg, wandern aus. Der Heimatfrust treibt vor allem die gebildeten Jungen weg.

Die Politik verschleudert Millionenbeträge und niemand kommt dafür ins Gefängnis. Arbeitsplätze werden mit Bagatellen vernichtet, siehe Dosenpfand, und alle finden es toll und wählen weiterhin grün. Innovationen scheitern immer an einer Lobby der "Schützer" und anderer Besitzstandwahrer. Die Rechtssicherheit ist in vielen Fällen dahin. Niemand kann sich mehr auf seine Altersvorsorge verlassen. Die Rentner werden kontinuierlich betrogen.

Dazu kommt noch die menschliche Kälte in Deutschland. Es fehlt an Herzlichkeit, Freude, Respekt, Gemeinsinn, gesundem Nationalstolz und vertrauter Familienatmosphäre. Neid wird zum prägenden Motiv. Erfolg ist verdächtig, Spass ist verpönt, Streit ist häufig.

Es würde mir leicht fallen, ein ganzes Buch über den Standort Deutschland zu schreiben. Die verheerende Außenpolitik würde darin viele Seiten füllen. Die Nachlässigkeit gegenüber dem Terrorismus, der Deutschland zu dessen Drehscheibe gemacht hat, die Unkenntnis wirtschaftlicher Zusammenhänge, die uns weiterhin hohe Arbeitslosigkeit garantiert, eine Medienlandschaft, die nur noch die Wünsche der Dummen und Primitiven reflektiert, sie alle würden darin viel Raum einnehmen. Aber dies ist nicht meine Welt.

Ich will lieber die Chancen der Globalisierung sehen, die uns erleichtert auch außerhalb unserer deutschen Landesgrenzen zu arbeiten und zu leben. Die Möglichkeiten nicht nur in den Westen auszuwandern, sondern auch den Osten zu erschließen, können jetzt viel leichter wahrgenommen werden. Österreich, Ungarn, Tschechien, Slowenien sind auch nach unseren Standards nicht nur attraktive Urlaubsziele, sondern auch gute Plätze zum Leben und Arbeiten, vielleicht sogar auch besser geeignete Lebensorte für Senioren. Die EU als neuer Bewegungsraum wird sich als Segen für bewegliche Menschen aus Deutschland erweisen. Sie erlaubt es von hier zu flüchten und doch nicht gleich alles aufgeben oder radikal zu verändern zu müssen.

Unter dem Strich aber lebe ich als alter Mensch immer noch gerne als Europäer in meinem vertrauten Tübingen. Es ist mir ans Herz gewachsen und ich kann heute besser Missstände ignorieren. Aber ich kann auch die gut verstehen, die auswandern und wo anders ihr Glück suchen und finden.

 

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